Liebes Tagebuch,
nun ist es soweit, ich
bin in mein neues Haus gezogen. Aber es ist nicht nur das. Ich habe auch meine
Heimatstadt, St. Anna, verlassen. Nach dem Unfalltod meiner Eltern, vor wenigen
Monaten, habe ich es dort einfach nicht mehr ausgehalten. Also habe ich mir von
dem Erlös des alten Hauses, dieses hier in Schönsichtingen gekauft.
Das Einzige das mir geblieben ist, ist mein Kater
Mozart. Besonders begeistert war er von dem Umzug nicht aber mit viel Liebe und
Aufmerksamkeit, wird er sich schon einleben. Genauso wie ich.
Ich bin sehr froh das ich mein Medizin Studium noch
beenden konnte. So kann ich mich nun erstmal um den Umbau des neuen Hauses
kümmern um mich anschließend für einen Job im hiesigen Krankenhaus zu bewerben.
Etwas Geld ist nach dem Kauf noch geblieben, es reicht um so lange über die
Runden zu kommen.
Es ist schon seltsam
allein und ohne Freunde in einer neuen Umgebung zu sein. Mozart ist mir zwar
ein guter Freund aber reden kann er leider nicht mit mir. Mir fehlen die
abendlichen Gespräche mit meinem Vater. Der Sonntagsbraten meiner Mutter...
"Ida! Reiß dich etwas mehr zusammen. Du bist gerade mal 28 Jahre alt.
Du muss einfach ab jetzt nach vorne sehen."
Erstmal musste ich mich jetzt darum kümmern, das mein
Haus auch windgeschützt ist. Ich habe zwar keinen blassen Schimmer, was
genau ich machen muss aber irgendwie klappt das schon.
Leider sieht Mozart die Wichtigkeit diese Unterfangens
nicht ein. Er möchte beschäftigt werden. Als ob ich diesem knuddeligen Kerl
irgendetwas abschlagen könnte. Schnell kramte ich sein Lieblingsspielzeug aus
der Umzugskiste. Sein begeistertes Mauzen ließ die Umbauarbeiten in weite Ferne
verschwinden.
Flink hastete er nach seinem Spielzeug. Jeder
Misserfolg wurde mit einem empörten Miauen kommentiert.
Ich lachte nach langer Zeit erstmals wieder lauthals.
Der Tag schwindet, während wir Beide im Spiel vertieft waren.
Mozart hatte ich kurz vor ihrem Tod von meinen Eltern
bekommen. Als ich mit meinem Diplom nach Hause kam, grinste mein Vater
geheimnisvoll. Ich staunte nicht schlecht als meine Mutter mir ein kleines
Fellbündel in die Hand drückte, mit den Worten "ich hätte nun
genug Verantwortung bewiesen". Ich hatte mir immer eine Katze
gewünscht, schon als ich klein war. Doch meine Eltern weigerten sich immer
diesen Wunsch zu erfüllen.
Ich war so in Gedanken versunken, das ich zuerst nicht
wahrnahm, das sich Besuch ankündigte. Einige Nachbarn waren auf den Umzugswagen
aufmerksam geworden. Sie wollten schauen, wer da neu zugezogen war und ihre
Hilfe anbieten. Meine Freude war groß als sich Herr Traumtänzer, Frau Braun und
Herr Goettgens vorstellten. Sie schienen wirklich nett zu sein. Schnell kamen
wir ins Gespräch und wechselten zum Du. Ihre Hilfe kam wie gerufen. Schnell
teilten sie die anstehenden Aufgaben auf. Während Norbert Goettgens meine
Umzugskisten ins Haus räumte, packte Babsi Braun meine ersten Sachen aus.
Hugo Traumtänzer kam allerdings zuerst nicht dazu
etwas zu helfen. Er wurde direkt von Mozart in Beschlag genommen. Die Beiden
waren sich auf Anhieb sympathisch. Also kümmerte ich mich erstmal allein um die
Befestigung meines neuen Briefkastens. Ich grub ein Loch um ihm die nötige
Stabilität zu geben. Als das Loch ausgehoben war, stieß auch Hugo dazu. Er
mischte den Beton und so konnten wir gemeinsam den Briefkasten versenken. Hand
in Hand klappte alles wie am Schnürchen.
Irgendwann knurrte uns allen allerdings der Magen. Da
Norbert meinen Herd noch nicht angeschlossen hatte, beschloss ich eine
Häppchenplatte zu improvisieren. Der Kühlschrank war zwar schon angeschlossen,
jedoch war meine Auswahl an vorhandenen Lebensmitteln begrenzt. Ich kramte
alles zusammen. Heraus kam dennoch ein recht ansehnliches Mahl.
Gemeinsam machten wir uns über Tomatenspalten,
gefüllte Eier und Käsespießchen her. Viel war es nicht aber es erfüllte seinen
Zweck. Während des Essens erfuhr ich mehr über meine Gäste und Helfer. Babsi
hatte vor einiger Zeit ihren Mann verloren. Sie hatte erst kürzlich erneut
geheiratet, eine Frau, mit der sie ihre drei Söhne gemeinsam groß zog. Die
beiden Männer waren weniger mitteilsam, was mich nicht weiter störte. Ich
erfuhr nur, das Hugo sich sehnlichst eine Beförderung wünscht.
Ansonsten füllte die Unterhaltung eher
Oberflächlichkeiten.
Sie erzählten mir den neusten Nachbarschaftsklatsch
und welche Einkaufmöglichkeiten es in der Stadt gab.
Die Information über ein schickes Möbelhaus in der
Nachbarstadt Neusichtingen hörte sich recht vielversprechend an. Ich brauchte
durchaus noch einige Einrichtungsgegenstände. Norbert schlug mir auch gleich
vor, mich Morgen dahin zu fahren.
Nachdem wir einige Zeit geplaudert hatten, gingen wir
zurück an die Arbeit. Doch so richtig motiviert waren wir nicht mehr. Trotzdem
bauten sich meine wenigen vorhandenen Möbel nicht von selbst auf. Norbert
schloss meinen Herd fachmännisch an und Babsi kümmerte sich weiter um mein
Geschirr.
Zwischendurch machten wir viele Späße und naschten an
den restlichen Häppchen. Endlich fand ich in einer Kiste mein Radio. Mit Musik
ging uns die Arbeit leichter von der Hand. Als aus meiner Spüle endlich
fließendes Wasser sprudelte, wusch ich das benutzte Geschirr ab.
Wir hatten trotz der Unterbrechungen ordentlich was
geschafft.
Doch ich konnte nicht nur an mich denken. Nun waren
Mozarts Sachen dran. Sein neuer Kratzbaum musste montiert werden.
Da ich sowas noch nie gemacht hatte, schnappte ich mir
die ellenlange Aufbauanleitung und las sie angestrengt durch. Doch so wirklich
schlau wurde ich nicht daraus. Das ganze Fachgesimpel machte mich eher wirsch.
Auch das Hämmern aus dem Schlafzimmer unterstützte eher erschwert meine
Konzentration.
Entnervt gab ich auf. Allein würde ich das nicht
hinbekommen.
Also ging ich hinaus und bat Babsi um Hilfe. Ich
erklärte ihr die Ausschnitte der Anleitung die ich einigermaßen verstanden
hatte. Doch auch sie verstand nur Bahnhof. Wir rätselten hin und her und kamen
doch zu keinem Ergebnis. Dann lachte Babsi plötzlich laut auf.
Ich hatte die Anleitung falsch herum gehalten.
Manchmal bin ich wirklich daneben. Aber solche handwerklichen Dinge lagen mir
nun mal nicht. Mitleidig schielte sie mich von der Seite an, da musste auch ich
herzhaft lachen. Babsi setzte mit ein und wir beiden lachten, bis wir uns die
Tränen aus den Augen wischen mussten. Als ich mich wieder eingekriegt hatte,
begann ich mit dem Aufbau.
Doch auch mit richtig gehaltender Anleitung, erwies
sich der Aufbau als schwierig. Es dauerte zwei Stunden und dann stand der
Kratzbaum endlich. Ich platze fast vor Stolz und war äußerst zufrieden mit mir
selbst.
Doch nun war es Zeit für die Anderen zu gehen. Es war
schon spät. Aber ich tauschte die Telefonnummer mit Babsi. Wir versprachen uns
demnächst anzurufen und etwas gemeinsam zu unternehmen. Hugo drückte mich zum
Abschied fest und meinte er sei froh das ich hergezogen sei. Norbert zwinkerte
mir zu und sagte er würde mich morgen gegen zehn Uhr abholen.
Müde und kaputt kümmerte ich mich nun erstmal wieder
um Mozart. Ich kramte seinen Fressnapf raus. Dieser inspizierte erstmal seinen
neuen Kratzbaum. Doch als er das Rascheln der Packung Katzenfutter hörte,
strich er mir erwartungsvoll um die Beine.
Kaum hatte ich seinen Napf zurück auf den Boden
gestellt, machte er sich gierig darüber her. Das laute Schmatzen versetzte mich
wieder in schwermütige Erinnerungen. Meine Mutter hatte sich immer künstlich
aufgeregt, wenn der Kater mit seinem Essen in der Küche herumschmierte. Sie
stellte sich dann drohend vor im auf und warnte ihn, das er demnächst im Hof
fressen dürfte, wenn er sich nicht benahm. Sie hat es nie in die tat umgesetzt.
Und Mozart war es ziemlich egal, was sie sagte.
Satt und zufrieden verzog er sich dann auf seinen
neuen Kratzbaum. Sein lautes Schnurren verriet mir, das er sich dort wirklich
wohl fühlte. Sanft kraulte ich ihn hinter dem Ohr. Das Schnurren schwoll
an Lautstärke noch an. Grinsend fiel mein Blick auf meine Uhr. Ich erschrak, es
war schon so spät. Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie lange wir gewerkelt
hatten. Gleich würde meine Lieblingsserie im Fernseher beginnen.
Gemütlich kuschelte ich mich in meinen Sessel und
schaltete den Fernseher an. Morgen wollte ich Ausschau nach einem neuen Sofa
machen. Solange musste ich halt mit meinem Sessel Vorlieb nehmen.
Jetzt freute ich mich aber erstmal auf die Fortsetzung
meiner Serie. Ich liebe "Simlane 10". Manche sagen zwar Daily - Soaps
seinen Spinnereien aber diese ist einfach genial. Außerdem finde ich den
Hauptdarsteller Jimmy Parsley alias Tom Genius einfach nur super süß.
Viel zu schnell geht die Serie immer zu Ende. Ach, ich
schwärme so sehr von Jimmy. Ein kleiner, weißer Kugelblitz riss mich plötzlich
aus meinen Träumen. Mozart hatte mal wieder seine allabendlichen 5 Minuten.
Dann sauste er immer wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung. Es war
wirklich witzig. Manchmal konnte er gerade so vor einer Wand oder einem Regal
abbremsen, bevor er Gefahr lief davor zu brettern. Ich gähnte. Langsam wurde es
Zeit für mich.
Ich stellte mich unter die Dusche und ließ einige
Minuten lang, das warme Wasser meinen Körper runterrieseln. Draußen konnte ich
immer noch Mozarts Getobe hören. Es war eigentlich ein recht schöner Tag
gewesen. Ich hatte, dank meiner neune Nachbarn, einiges geschafft. Nun musste
sich zeigen was die Zukunft bringt. Langsam drehte ich das Wasser zu und
schrubbelte mich mit einem flauschigen Handtuch ab. Dann schlüpfte ich in
meinen Schlafanzug.
Als ich das Badezimmer verließ, massakrierte
Mozart gerade genüsslich die neue Kratzgelegenheit.
Es machte ihm sichtlich Spaß. Dann flitzte er wieder
wie ein Irrer durch die Wohnung.
Nun meldete sich mein Magen erneut zu Wort. Auf der
Suche nach etwas Essbaren, wühlte ich in meinem Kühlschrank herum.
Das Einzige, das ich noch zutage fördern konnte, waren
Tomaten und ein paar Scheiben Brot. Ganz hinten in der Ecke entdeckte ich noch
ein Stückchen Butter. Perfekt!
Im Radio lief gerade mein Lieblingslied. Katja Werker - Pony ride on. Begeistert sang ich mit, während ich mein Brot mit
Butter bestrich. Ich war so abgelenkt, das ich mir beim Schneiden der Tomaten
in den Finger schnitt. Schnell steckte ich mir den Finger in den Mund. Autsch,
das tat weh. Pflaster hatte ich natürlich keine hier. Ich werde wohl
nicht darum kommen auch morgen Lebensmittel einzukaufen.
Gut das es direkt um die Ecke einen Edeka gibt.
Mit schmerzenden Finger setzte ich mich mit meinem
Tomatenbrot an den Tisch. Ein wenig Wehmut erreichte mein Herz. Nun saß ich
hier, ganz allein und verschlang hungrig mein mickriges Abendessen.
Trotz Mozarts Anwesenheit fühle ich mich einsam. Ein
seltsamer Geruch schlich sich in meine Nase. irritiert sah ich mich um.
Ich sollte mir schnellstmöglich einen neuen Platz für
das Katzenklo suchen. Erstens um Mozart eine gewisse Art von Privatsphäre zu
ermöglichen und zweitens war es nicht sehr appetitlich. Wenn der Kater so nah
am Esstisch sein Geschäft verrichtete.
Auch Mozart schien pikiert zu sein. Etwas stärker als
sonst, kratzte er sein Streu über seine Hinterlassenschaften.
Irgendwie kann ich ihn verstehen. Dies ist keine
Dauerlösung.
Ich steckte mir den letzten Bissen in den Mund. Kauend
spülte ich mein Geschirr ab. Draußen war es mittlerweile stockdunkel. Ich
konnte Sterne am Himmel funkeln sehen. Als ich meinen Blick senken wollte, sah
ich im Augenwinkel eine Sternschnuppe über den Himmel huschen. Schnell schloss
ich meine Augen und wünschte mir bald nicht mehr allein zu sein.
Ich drehte den Hahn zu und trocknete mir die Hände ab.
Ich hatte keine Lust mehr das Geschirr abzutrocknen und überließ es demzufolge,
sich selbst zu trocknen. Ich musste herzhaft gähnen. Nun wurde es langsam Zeit
für mich ins Bett zu gehen. Ich schlurfte lustlos ins Bad, nahm meine
Zahnbürste aus dem Schrank und putze mir die Zähne. Ich musste mir morgen
unbedingt eine Liste von den Dingen machen, die ich noch brauchte.
Morgen erwartete mich wieder ein anstrengender Tag.
Ich spülte mir den Mund aus und wusch mein Gesicht. Dann stellte ich die
Zahnbürste zurück und verließ das Bad in Richtung Schlafzimmer.
Mist, ich hatte meinen Wecker vergessen.
In welcher Kiste war er denn noch mal?
Genervt wühlte ich in den restlichen Kartons rum. Ein
empörtes Mauzen drang aus der Ecke. Mozart hatte sich bereits zum Schlafen
zusammen gerollt und beschwerte sich über den Lärm den ich veranstaltete.
Da ich den Wecker eh nicht fand, gab ich das Suchen
auf. Ich kuschelte mich unter meine Decke und knuddelte mir mein Kissen unter
dem Kopf zurecht.
Obwohl ich ziemlich müde war fand ich nicht sofort in
den Schlaf. Unruhig drehte ich mich hin und her. Es dauerte einige Zeit bis ich
langsam in den Schlaf sank.
Das Letzte an das ich mich erinnerte bevor ich tief
einschlief, waren die Gesichter meiner Eltern.
Und das Gefühl von endloser Traurigkeit.































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